Adam Baldych & Helge Lien Trio

bridges

 

HLTAB

Adam Bałdych & Helge Lien Trio Bridges ACT 9591-2 Veröffentlichungsdatum: 28. August 2015

 

Bałdych baut Brücken

Mit unerhörter instrumentaler Virtuosität überschreitet der polnische Geiger Grenzen: seines Instrumentes, zwischen den Genres, zwischen Komposition und Improvisation und im verschmelzenden Zusammenspiel mit seinen Mitmusikern. Das macht ihn zu einem „erfrischend anderen europäischen Jazzstar“ wie das englische Jazzwise Magazin feststellt, der “virtuos und hochemotional” (Fono Forum) wie „derwischhaft intensiv“ (Jazz thing) mit der Tradition als Basislager neue Jazz-Forschungsreisen unternimmt.

Der 1986 geborene Bałdych galt in seiner Heimat früh als „Wunderkind“ und musste nach einem ausgedehnten USAAufenthalt – an der berühmten Berklee College of Music in Boston und in New York – auch nicht lange auf den internationalen Durchbruch warten: Nach dem umjubelten Auftritt beim Jazzfest Berlin 2011 erklärte ihn die FAZ zum „zweifellos größten lebenden Geigentechniker des Jazz.“ Für sein 2012 aufgenommenes ACTDebüt unter eigenem Namen „Imaginary Room“ erhielt er den ECHO Jazz. Und mit Blick auf Bałdychs im Jahr darauf folgendes Duo-Album „The New Tradition“ (mit dem Pianisten Yaron Herman) schrieb die Süddeutsche Zeitung: „Wer einen neuen Debussy, einen neuen Grieg, einen neuen Strawinsky sucht, der sollte heute eher beim Jazz nachschauen, als in der Modernen Klassik.“

Was mehr denn je für Adam Bałdychs neues Album „Bridges“ gilt. Das zeigt schon der Einstieg mit dem programmatischen Titeltrack: Eine ruhige, lyrische Melodie sucht sich Klangfarben, zugleich sind harmonische Stimmungen herauszuhören, wie wir sie aus Ost-, aber auch aus Nordeuropa kennen. Denn neben Bałdychs unerreicht differenzierten Streicherklängen – von hauchzarten Obertönen bis zum druckvollen, Cello-artigen Sound – erklingt ein ähnlich variables Piano: Für „Bridges“ hat sich Bałdych das Trio des norwegischen Pianisten Helge Lien an seine Seite geholt. „Ich habe seine letzten zwei Alben mit großem Interesse gehört – Produzent Siggi Loch hatte mir zuerst eines gegeben – und war sehr beeindruckt von der Art, wie dieses Trio zusammen musiziert“, erzählt Bałdych. „Ich hatte für einige meiner Kompositionen nach einem Klaviertrio gesucht, das eine bestimmte Spielweise hat, um sozusagen zwei Persönlichkeiten zu verschmelzen und damit etwas Neues aus meiner Musik zu machen.“

Helge Lien erwies sich dafür als ideale Wahl. Auf bereits acht Trio-Alben hat der norwegische Pianist und Komponist seinen Stil kontinuierlich und konsequent weiterentwickelt. Blind vertrauen kann er dabei auf Frode Berg am Bass, einem Weggefährten von Anfang an. Für ein belebendes Element sorgt der vor zwei Jahren dazu gestoßene Schlagzeuger Per Oddar Johansen. Ihre Basis ist eine formvollendete Melodik die stets zugänglich, aber nie glatt ist. Ohne Anklänge an die Trio-Tradition von Esbjörn Svensson bis zu Brad Mehldau zu verleugnen, experimentieren Lien und sein Trio mit dem amerikanischen Erbe und der nordischen SoundAtmosphäre auf eigene Weise und greifen dabei auch auf die europäische Klassik der Spätromantik, eines Debussy oder eines Chopin zurück.

All dies eint sie mit Adam Bałdych, der wie Lien ein lyrischer Musiker mit einem starken Fokus auf Melodien ist, rhythmische wie dynamische Entwicklungen liebt und verstärkt die Volksmusik seiner Heimat in seine Kompositionen implementiert – wie zum Beispiel „Polesie“ veranschaulicht, das als Wortspiel wie musikalisch die ostpolnische Tradition aufnimmt, wie sie Bałdych durch seine Großeltern kennt. Vor allem aber fanden die vier eine geradezu symbiotische Beziehung zum Generalthema, das Bałdych diesem Album gegeben hat: der Stille. „In der immer lauteren Welt, die uns umgibt, haben inzwischen viele Leute Angst vor der Stille“, sagt Bałdych. „Sie glauben, dauernd reden zu müssen, um sich wohl zu fühlen. Doch Erkenntnis braucht auch Stille, vieles kann nur flüsternd gesagt werden. Ich habe Stille als Heilung erfahren, deshalb habe ich hier nach Klängen gesucht, die aus dem Flüstern kommen.“

Wie sie sich also aus der Stille entwickeln und fast immer dahin zurückgehen, erzeugen die elf Stücke des Albums einen mitunter rauschhaften Sog – ob bei der „hundertprozentigen Improvisation“ des Titelstücks, beim dynamisch-wilden „Mosaic“, bei Bałdychs ergreifendem „Requiem“ für alle verflossenen Freunde und Vorbilder, beim ob des Titels unerwartet fröhlichen und beschwingtem „Missing You“ oder beim mit Sounds experimentierenden und mehrfach überraschend sich wandelnden „Up“. Der Kreis schließt sich mit einer sensationellen Version von „Teardrop“ der britischen Trip-Hop-Pioniere Massive Attack. „Seit Jahren hat dieses Stück eine persönliche Bedeutung für mich. Und seine wundervolle Melodie passt perfekt für die Geige, die ihr einen folkigen Unterton verleiht. Seit langem habe ich es im Kopf immer wieder gespielt und wollte jetzt unbedingt meine Version auf dem Album haben.“ Wie das ganze Album ist sie ein begeisternder Brückenschlag geworden.